Luis Varandas

Ententeich

Entenbesuch <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Luis&nbsp;Varandas)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kath-dfs.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>209</div><div class='bid' style='display:none;'>2831</div><div class='usr' style='display:none;'>63</div>

Eine Geschichte von Susanne Niemeyer aus dem Buch: Herr Wohllieb sucht das Paradies
»Haben Sie einmal darüber nachgedacht«, fragt Sophie, »warum das Paradies eine Mauer hat?«
»Hat es denn?«, fragt Herr Wohllieb.
»Wenn es ein Tor gibt, wird es wohl eine Mauer geben oder einen Zaun oder eine hohe Hecke, sonst wäre das Tor ja unnütz. Dann könnte man an beliebiger Stelle eintreten. Außerdem wüsste man gar nicht, wo das Paradies anfängt und wo es aufhört.«
Über diesen Punkt hatte Herr Wohllieb noch nie nachgedacht.
»Stellen Sie sich vor«, fährt Sophie fort, »Sie wären draußen, sagen wir: etwas jenseits der Hauptstraße, zwischen dem Ententeich und diesem Möbelgeschäft — und weil es keine Grenze gibt, denken Sie, sie sind bereits im Paradies, obwohl es eigentlich fünf Kilometer weiter nördlich beginnt. Also hypothetisch gesprochen.«
»Und?«
»Vielleicht würden Sie den Ententeich mit anderen Augen betrachten, die Bank, auf der Sie säßen, die Stockenten, die Radfahrer, den Wiesenkerbel. Dann wäre es gar nicht schwer, hineinzugelangen ins Paradies, und andererseits auch wieder doch. Denn es wäre etwas für die Geübten, jene, die die Perspektive wechseln können und nicht herumirren auf der Suche nach einem Tor, das es gar nicht gibt.«
»Man könnte es ihnen sagen …«, schlägt Herr Wohllieb vor.
»Ja«, nickt Sophie, »das könnte man, aber manche Menschen können nicht leben ohne ein Tor und ohne eine Mauer, die das eine vom anderen trennt. Es ist ja auch nicht leicht ...«
Bereitgestellt: 10.07.2020      
aktualisiert mit kirchenweb.ch